Oberwesel im Herbst | © Henry Tornow

Ergebnisse der vierten Bürgerversammlung

Pressemeldung vom 04. Juni 2012

Zum vierten Mal füllte das Projekt der Fachhochschule Mainz den Rathaussaal in Oberwesel. Prof. Michael Spies stellte Zwischenergebnisse des Master-Kurses „Integrierte Wohnbestandsentwicklung“ anhand ausgewählter innerstädtischer Baufelder im Quartier der Liebfrauenstraße vor.

Die Analyse aktueller Leerstände in der Stadt und die Auswertung verfügbarer Sozialdaten belegt die Einschätzung aus der 3. Bürgerversammlung im Januar 2012, daß Oberwesel in den kommenden 15 Jahren einen leicht steigenden Wohnungsbedarf aufweist. Diese Erkenntnis liegt neben einer prognostizierten geringen Zuwanderung insbesondere im Zuschnitt und der Qualität des vorhandenen Wohnungsbestands begründet: Dem Überangebot an veralteten Mehr-Raum-Wohnungen und Häusern mit 5 bis 6 Zimmern, die teilweise nur noch von einer Person bewohnt werden und denen der Leerstand droht, steht ein steigender Bedarf an gut ausgestatteten kleineren Konfortwohnungen von 2 bis max. 3 Zimmern für ältere Menschen, aber auch für Wohnansprüche junger Menschen gegenüber. Diese sollten in fußläufiger Entfernung von den Versorgungsangeboten durch Anpassung des Baubestands oder durch Neubau im Ortskern geschaffen werden. Die Notwendigkeit zur Anpassung, Stabilisierung, zum geordneten Rückbau und Weiterbau ist demnach Aufgabe der Oberweseler Kommunalentwicklung in den kommenden Jahren. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es der Studie zufolge erforderlich, innerörtlich geeignete Liegenschaften und Bautypologien ausfindig zu machen, die sich für diesen Stadtumbau gestaltverträglich eignen, um das Stadtbild qualitätvoll fortzuentwickeln. Leerstände werden in diesem Lichte betrachtet als Chance gesehen, unbefriedigende stadträumliche Verhältnisse aufzuräumen und die Quartiere zu entdichten. Dabei muss sich jede Abriss- oder Rückbauentscheidung an einem Gesamtkonzept, einem „Masterplan für den Stadtkern“, orientieren. Die Vorschläge hierzu, die Testentwürfe und Machbarkeitsstudien der Studierenden geben wertvolle Hinweise, die mitunter irritieren und Sehgewohnheiten widersprechen.

Dem aufdringlichen ersten Eindruck des Leerstands insbesondere in der Liebfrauenstraße, die mit vielen aufgegebenen Ladengeschäften und ungenutzten rückwärtigen Gewerbeflächen einen desolaten Anblick darbietet, steht gerade in diesem Quartier eine ganzen Reihe gründerzeitlich geprägter Immobilien oder Häuser aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gegenüber, die robust und anpassungsfähig sich für die Umrüstung zu komfortablen Wohnungen zeitgemäßen Zuschnitts für junge und ältere Menschen eignen. Der mögliche Rückbau früherer Gewerbeflächen im Inneren der Baukarrées und deren Umgestaltung zu privaten Wohnhöfen und kombinierten Wohnformen eröffnet ein attraktives und zukunftsfähiges Bau- und Sanierungsprogramm mit geringerer Dichte und hoher Wohn- und Lebensqualität, die die Neubaugebiete mit ihren standardisierten Einfamlienhäusern in den Ortsrandlagen nicht aufweisen. Die Zukunft von Oberwesel liegt unbestreitbar im Ortskern.

Das Projekt widmet sich im Fortgang der zweiten Jahreshälfte 2012 weiterhin der Stadtbildanalyse durch systematische Bauaufnahmen von Straßenzügen und der Bearbeitung von Einzelfallstudien jener Häuser, die die Oberweseler Bürger zur Verfügung gestellt haben. Die Energieberatung durch die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz wird nach drei erfolgreichen Beratungsterminen fortgesetzt. Auf die Bauaufnahmen an der Rheinstraße und in der Münzgasse im Juni folgen im August ein Einsatz im Minoritenkloster und die fortgesetzte Untersuchung des Liebfrauenquartiers, in dem besondere Potentiale für Pilotprojekte schlummern: Oberwesel kann den Nachweis erbringen, daß hochwertiges Wohnen für alle Generationen innerhalb seiner Mauern möglich ist.

Die 5. Bürgerversammlung ist für Montag, den 24. September geplant. Ende des Jahres wird die Hochschule die anstehenden Aufgaben wieder in die Zuständigkeit der Stadt und in die Hände professioneller Planer legen, die für die Umsetzung der entwickelten Ziele sorgen sollen. Eine Publikation der Ergebnisse ist für Frühjahr 2013 vorgesehen.

Prof. Emil Hädler

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